Kreditmechanik: Zu Giralgeldschöpfung

Weder werden bei Kreditgewährungen durch Kreditinstitute Einlagen der Sparer verliehen (orthodoxe Kredittheorie/„Loanable Funds“)1 noch wird bei Kreditvergabe in voller Höhe der Kreditsumme Geld geschöpft (moderne Kredittheorie). Geld entsteht in Höhe gesamtwirtschaftlicher Nettokreditaufnahme, also aus der Differenz neuer Kreditgewährungen (inkl. an den Staat)2 minus Tilgung von Altschulden (exkl. Kreditzinsen). Beispielsweise wenn die Kreditsumme eines neuen Kredits zur Bezahlung eines Kaufs an einen anderen Bankschuldner überwiesen wird und der Verkäufer damit seine Bankschulden tilgt, wird/wurde (ex post) kein zusätzliches Geld geschöpft.3 Das ist wesentlich, um zu erkennen, dass ein Schuldner einen anderen ablöst und ferner, wenn in der Gesamtwirtschaft mehr Kreditsummen getilgt als neu aufgenommen werden, der Wirtschaft Geld entzogen, Geld vernichtet (Bilanzverkürzung) wird und allein daraus deflationäre Tendenz entsteht.
Geld entsteht bei Nettokreditaufnahme nicht „aus Luft“, sondern Geld (bzw. Forderungen auf Geld wie beispielsweise Kontoguthaben) steht einerseits eine Verbindlichkeit des Schuldners, andererseits eine Verbindlichkeit des gewährenden Kreditinstituts gegenüber. Damit ist für Kreditinstitute, die unter tendenziellem Liquiditätsabfluss an andere (größere) Banken (oder an Banken des Auslands) leiden, die Kreditvergabe insofern begrenzt, als, wenn sie Kredit vergeben und aber damit rechnen müssen, dass die gewährte Summe nicht in voller Höhe (wenn auch nur auf beliebige Konten ihrer Kunden) wieder zurückkehrt,4 sie selbst Kredit entweder bei der Zentralbank oder bei einer anderen Bank (Interbankenmarkt) nehmen müssen, um Kredit vergeben zu können. Kreditinstitute innerhalb eines Staates, der unter einem Leistungs- bzw. Zahlungsbilanzdefizit leidet, benötigen also zu ihren gewohnten Kreditgewährungen selbst Kredit, um Kredit zu vergeben, in der Höhe, in der Liquidität an Kreditinstitute eines Überschusslandes abließt. Insofern ist es richtig, wenn die Gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung eines Überschusslandes (für eine frühere Wirtschaftsperiode) so interpretiert wird, als Überschüsse in Form von Krediten an das Ausland vergeben werden/wurden – wobei gerne ausgeblendet wird, dass die Überschussliquidität (des Überschusslandes bzw. der jeweiligen Geldinstitute) zuvor ja aus dem Defizit des Auslandes zufloss.5
 
Eine beliebige Kreditsumme aus gesamtwirtschaftlicher Nettokreditaufnahme bei einem Kreditinstitut bedeutet für dieses eine monetäre Verbindlichkeit, die gegenüber einem Wirtschaftssubjekt (Nichtbank) entweder bedient werden muss oder nur dann nicht, wenn diese Verbindlichkeit (Forderung des jeweiligen Wirtschaftssubjektes in Form von Haben bei der jeweiligen Bank) auf Konten innerhalb des Instituts verbleibt oder wenn ohnehin (aus Kreditaufnahmen bei anderen Instituten) mehr Liquidität zu- als abfließt. Daraus resultieren zweierlei Gruppen Kreditinstitute und nur die Gruppe, die tendenziell Liquiditätszufluss realisiert, benötigt keinerlei Refinanzierungskredit, kann vielmehr diesen an die andere Gruppe selbst vergeben.

 

1 Zu orthodoxer Kredit- bzw. Loanable Funds-Theorie vgl. Alois Oberhauser: Änderungen in der Einkommensverteilung und Zinsbildung. In: Herausforderungen der Wirtschaftspolitik. Festschrift für Claus Köhler. Berlin 1988, S. 111: „Die Mängel der loanable funds-Theorie liegen darin, daß das Sparen als unabhängig von der Nachfrage nach investierbaren Mitteln angesehen wird. […] Die (private) volkswirtschaftliche Kapitalbildung wird nicht durch das (private) Sparen bestimmt und begrenzt, sondern die Nachfrage nach investierbaren Mitteln schafft sich vielfach selbst die notwendigen Ersparnisse.“

2 Leonhard Gleske: Die Liquidität in der Kreditwirtschaft. Frankfurt 1954, S. 41. „Der Bankkreditbegriff hat in diesem Zusammenhang einen weiteren Inhalt. Er umfaßt nicht allein kurzfristige Wechsel- und Kontokorrentkredite, sondern auch die langfristigen Ausleihungen und Anlagen jeder Art in den den Bankbilanzen, soweit ihnen Depositen und nicht aus der Emission von Wertpapieren entstandene Verpflichtungen der Banken gegenüberstehen. In diesem Sinne zählen also zu den Bankkrediten auch die auf der Aktivseite der Bankbilanz aufgeführten Hypotheken und Wertpapiere, im besonderen Pfandbriefe, Industrie- und Kommunalobligationen, Staatsanleihen und Aktien. Es ist zwar nicht üblich Wertpapiere in das Bankkreditvolumen mit einzuordnen, aber sofern sie sich im Besitz des Banksystems befinden, läßt ihr wirtschaftlicher Charakter eine solche Interpretation zu.“

3 Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Tübingen 2011, S. 49: „Für das Verhältnis zwischen Neuausleihungen pro Periode und den Veränderungen des Bankkreditvolumens kommt es nun ausschließlich darauf an, wie sich der [...] Strom von Neuausleihungen in die dort genannten beiden Ströme „Kreditrückzahlung“ und „Neueinlagen“ aufteilt.“

4 Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Tübingen 2011, S. 27: „So muß z. B. eine kleine Bank damit rechnen, dass die Überweisungen ihrer Kreditnehmer aus den ihnen eingeräumten Krediten vollständig bei anderen Banken landen, Kreditgewährung also zu einem gleichgroßen Liquiditätsverlust führt [...]. Eine größere Bank mit weit verstreutem Filialnetz kann bereits damit rechnen, dass ein Teil der Überweisungen ihrer Kreditnehmer auf den Konten von anderen eigenen Kunden landet, deren Einlagen erhöhen oder deren Kreditinanspruchnahme verringern. [...] Infolgedessen führt nahezu jede Schmälerung der flüssigen Mittel bei einer einzelnen Bank zu einer Vermehrung der flüssigen Mittel anderer Banken dieser Gesamtheit (Größenmechanik).“

5 Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 1966/67, S. 87, Ziffer 154: „Wenn aus irgendwelchen Bereichen, und das gilt für alle Kredit- und Kapitalmärkte, Mittel abströmen (Defizitbereiche), so daß hier ein Finanzierungsbedarf entsteht, gibt es notwendig andere Bereiche oder Stellen denen diese Mittel zuströmen (Überschußbereiche); dabei decken die Mittel, die dem einen zuströmen, ihrem Betrag nach selbstverständlich stets genau den Finanzierungsbedarf der anderen.“